Ehrgeizige Talente treffen im Waldstadion und in Schweden
Die fünfziger Jahre: Valentin Kleinböhl und Hans Euler bringen die Nachwuchsteams auf Erfolgskurs ? Jubiläum, Stadion-Einweihung und Hessenpokalsieg der Junioren (aus dem Rüsselsheimer Echo vom 4. September 2006)
Farbwechsel im Fußball: Ab den fünfziger Jahren durfte die Lederkugel auch weiß sein. Eine Reaktion auf die ersten Fernsehübertragungen, denn auf dem damals noch seltenen und in schwarz-weiß flimmernden Bildschirmen war ein heller Ball einfach besser zu erkennen. In den Amateurvereinen, auch beim SC Opel 06 Rüsselsheim, kickte man freilich noch geraume Zeit mit den üblicherweise rotbraunen Objekten der Begierde, die oftmals noch geschnürt waren und so bei Kopfbällen schmerzhafte Blessuren hinterließen. Einige Kratzer an der Stirn konnten die Begeisterung unter den 105 Jugendlichen im damals 212 Mitglieder zählenden Sportclub aber nicht bremsen.
Unter der Regie von Jugendleiter Valentin Kleinböhl und Trainer Hans Euler sollten die ?Fünfziger? zum Jahrzehnt des Nachwuchses beim Traditionsverein werden. Das Duo ergänzte sich nahezu optimal und opferte fast jede freie Minute für den Verein. Motiviert auch durch das große Talent seiner Söhne Günter und Helmut, sorgte der einstige Dornheimer Fußball- und Handballtorhüter Valentin Kleinböhl für gute Rahmenbedingungen, derweil sein bester Freund Hans Euler auf den beiden Spielflächen an der Haßlocher Straße und auf dem Opelgelände in der Nähe des heutigen M 55 der große Lehrmeister war.
Die ständigen Gefechte mit der Stadt Rüsselsheim, die wegen eines geplanten Schulbaus (Max-Planck-Gymnasium) scharf auf das Vereinsgelände war, hatten aber nichts damit zu tun, dass beim SC Opel 1950 auch eine Fechtabteilung und wenig später eine Tischtennissparte gegründet wurde. Bis zu neun Fechterinnen und 20 Fechter kreuzten in den Punktrunden die Klingen.
Doch Planche und Platten verschwanden schon bald wieder von der Bildfläche. Anders verhielt es sich mit dem Plan der von hohen Gewerbeeinnahmen verwöhnten Stadtväter, am Sommerdamm ein Stadion zu bauen und dem Verein zur Verfügung zu stellen. Im Sommer 1951 beschlossen aber TG und SCO, das gemeinsame, vornehmlich von den TG-Handballern genutzte Gelände an der Haßlocher Straße vorerst nicht zu verkaufen, weil man weiter eigene Sportstätten wollte.
Auf dem Fußballfeld setzte sich im Aktivenbereich die bereits in den Vorkriegsjahren (mit vier ?Gauliga?-Aufstiegen) bekannte Achterbahnfahrt fort. Mit einem überragenden, 42-fachen Torschützen Hubert Greifhardt war der SC Opel in der Saison 1949/50 als Meister der Bezirksklasse Wiesbaden dank Erfolgen in der Aufstiegsrunde der Sprung in die Landesliga, der damals höchsten Amateurliga, gelungen.
Und wieder war Hans Euler, obwohl sein Herz eigentlich für die Jugend schlug, in den entscheidenden Spielen als Trainer eingesprungen. Was sich in den turbulenten Folgejahren, in denen nach Querelen bis zu dreimal pro Saison die Trainer wechselten, noch häufig wiederholen sollte.
Zwar schaffte der SC Opel in den nächsten Runden mit den Rängen zwölf (50/51), fünf (51/52) und zwölf (52/53) den Verbleib in der Landesliga, die sich nun 1. Amateurliga Hessen nannte, doch finanzielle Probleme, überhöhte Spesenforderungen auswärtiger Spieler und der auch auf außerordentlichen Mitgliederversammlungen angesprochene ?rauhe Umgang miteinander? sorgten für Unruhe ? und bewegten den damaligen Vorsitzenden Josef Sehr mehrmals zum zwischenzeitlichen Rücktritt.
Daher war auch niemand im SCO-Lager so richtig traurig darüber, dass es in der Saison 1953/54 nicht mehr reichte. Die erste Mannschaft musste als Tabellenletzter in die Bezirksliga Darmstadt Nord absteigen. Mehr Derbys, mehr Zuschauereinnahmen, mehr Spielanteile für die Eigengewächse und mehr Siege ? so lautete die optimistische und dann auch tatsächlich aufgehende Rechnung der Verantwortlichen.
Zudem gab es ja auch im Abstiegsjahr reichlich Grund zum jubeln: Deutschlands ersten Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft. Mag der 3:2-Finaltriumph über Ungarn auch eminent wichtig für das Selbstbewusstsein einer ganzen Nation gewesen sein, enorme Fußballbegeisterung herrschte hierzulande aber bereits vor dem Wunder von Bern. So auch am 17. Mai 1953, als die Frankfurter Eintracht vor 68 000 Zuschauern im ausverkauften Waldstadion auf den 1. FC Kaiserslautern traf.
Das Vorspiel vor imposanter Kulisse durfte die mit den Fahrrädern anreisende B-Jugend des SC Opel bestreiten, und dank der Treffer von Gerhard Kraus, Horst Löhr und Helmut Kleinböhl erkämpften die Eulerbuben ein 3:3-Remis gegen den Eintracht-Nachwuchs. Das Spiel war eine Belohnung für die vielen Erfolge zuvor, denn seit Anfang der fünfziger Jahre sammelten die neun Nachwuchsteams des SCO in verschiedenen Altersklassen reihenweise Kreis- und Bezirkmeistertitel.
Eulerbuben wie Karl-Heinz Rößler, Herbert Beisenkötter, Günther Lasse, Helmut ?Hebbes? Kleinböhl, Gerhard Kraus und Ede Latzel deuteten in Teams verschiedener Altersstufen bereits an, dass sie in den ?Sechzigern? auch im Aktivenbereich noch Enormes leisten können.
Der von vielen als das größte SCO-Talent angesehene Manfred Fischer, der 1955 noch an einer von Valentin Kleinböhl organisierten und sportlich sehr erfolgreichen Fahrt nach Schweden teilgenommen hatte, erlebte die späteren Regionalliga-Glanzzeiten aber nicht mehr mit, kam durch einen Betriebsunfall 1959 ums Leben.
Die SCO-Aktiven holten sich nach Rang sieben in der Bezirksliga Nord in der Saison 54/55 eine Runde später die Meisterschaft in der neu eingeführten 2. Amateurliga Nord. Der heute in Bauschheim wohnende Helmut Kleinböhl, der dann wie Herbert Beisenkötter 1959 zwischenzeitlich zu Kickers Offenbach wechseln sollte und später auch dreimal in der deutschen Amateur-Nationalmannschaft spielte, gehörte bei diesem Titelgewinn schon als Siebzehnjähriger zu den Leistungsträgern. Doch scheiterte der SCO dann hauchdünn am VfR Bürstadt. Vier nervenaufreibende Entscheidungsspiele ? das letzte endete 1:2 nach Verlängerung ? waren nötig, um den Aufsteiger in die 1. Amateurliga zu ermitteln.
Prächtige Stimmung herrschte im Sommer 1956 im Hotel Adler und in der Stadthalle bei musikalischen Untermalungen des Werksorchesters der Firma Opel dennoch, schließlich feierte der SCO sein 50-jähriges Bestehen mit einer ganzen Reihe von geselligen und sportlichen Veranstaltungen.
Und zudem gab es ja noch die Triumphe der A-Jugend, die hessischer Vizemeister wurde und auch noch ins Hessen-Pokalendspiel eingezogen war. Das ECHO, als erste täglich erscheinende Rüsselsheimer Tageszeitung im Frühjahr 1956 aus der Taufe gehoben, berichtete meist aus der Feder des sportbegeisterten Redaktions-Pioniers Willi Hofmann, der später auch zum Vorsitzenden und Manager beim SCO aufstieg, ausführlich von den Ereignissen.
Die Saison 56/57, in der sich die ersten flügge gewordenen Eulerbuben wie Gerhard Kraus oder die Kleinböhl-Brüder auf Anhieb in der ersten Mannschaft etablieren konnten, endete mit Rang vier. Und fortan hatte der SC Opel auch eine neue Spielstätte: Am 10. Mai 1957 gewann der SCO sein erstes Spiel im neuen Stadion am Sommerdamm gegen Erbach mit 2:0, und die Aktiventeams konnten nun auch auf den provisorisch eingerichteten Sportplätzen an den Mainwiesen hinter dieser schmucken städtischen Arena trainieren.
Die ?jungen Wilden? ? immer mehr Eulerbuben wechselten erfolgreich in den Seniorenbereich ? weckten auch das Publikumsinteresse. In der Saison 57/58, in der der SCO Dritter der 2. Amateurliga wurde, verfolgten schon regelmäßig weit über 1000 Zuschauer die Spiele. Als der SCO am letzten Spieltag Spitzenreiter Rot-Weiß Walldorf 2:0 besiegte, pilgerten gar über 2000 Fans ins Stadion.
In der Runde 1958/59, als die parallel dazu auch schon bei den Aktiven spielenden Junioren den Hessenpokalsieg feierten, musste der SC Opel als Vizemeister allein dem VfR Bürstadt den Vortritt lassen. Auch 1959/60 verpassten die damals von Xaver Malterer trainierten Gelb-Schwarzen als Zweiter den Klassensprung mal wieder nur hauchdünn.
Damit blieb die 2. Amateurliga zunächst die sportliche Heimat, derweil der SCO in Sachen Vereinsgelände eine neue fand: Der SC Opel und die TG verkauften nun doch das Areal an der Haßlocher Straße für 40 840 Mark an die Stadt. Die Kicker erhielten dafür in Erbbaurecht für 99 Jahre ein Gelände an der Georg-Jung-Straße.
Fortan mussten die SCO-Fußballer nicht nur auf dem Spielfeld schwitzen, sondern auch Hand anlegen. Denn trotz der Zuschüsse von Stadt (30 000 Mark) und Firma Opel (3000 Mark) war viel Selbsthilfe nötig, um die Errichtung von Vereinsheim, Toiletten und Umkleidekabinen auch finanziell stemmen zu können.
Norbert Beck
